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Fußball

Matthias Kuhn – der neue Mann am Ruder der Victoria St. Wendel

Jan Sebastian BachBy Jan Sebastian Bach2. September 2026Keine Kommentare10 Mins Read
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Sankt Wendel. Die Victoria St. Wendel sorgt seit ihrer Neugründung im vergangenen Jahr für reichlich Gesprächsstoff. Mit zahlreichen Verpflichtungen von Spielern aus höheren Spielklassen machte der Verein schnell auf sich aufmerksam. Ebenso offen geht die Victoria mit einem Thema um, über das andere Vereine meist schweigen: Die Spieler werden bezahlt. Dafür wird der Klub immer wieder kritisiert – teilweise in einer Art und Weise, die weit über eine sachliche Diskussion hinausgeht.

Sportlich ließ sich die Victoria davon nicht beirren und krönte ihre Premierensaison mit dem Aufstieg in die Bezirksliga Blies/Nahe.

In der laufenden Saison steht mit Matthias Kuhn ein im Saarland bestens bekannter Fußballer an der Seitenlinie. Nach seiner vierjährigen Profikarriere als Torhüter bei der SV Elversberg, war er über viele Jahre in den höchsten saarländischen Spielklassen aktiv und sammelte dort reichlich Erfahrung. Bei der Victoria St. Wendel übernimmt Kuhn nun erstmals die Position des Cheftrainers. Sein über viele Jahre gesammeltes Wissen und seine Erfahrung möchte er an seine Mannschaft weitergeben und damit die ambitionierte Entwicklung des Vereins weiter vorantreiben.

Interview mit Matthias Kuhn

FNS: Wie ist der Kontakt zur Victoria St. Wendel überhaupt entstanden? Und was war dein erster Gedanke, als die Anfrage kam?

Kuhn:Die Kontaktaufnahme seitens der Victoria St. Wendel erfolgte über Benjamin Sorg, der hier neben seinem Spielerengagement zudem als Sportdirektor fungiert. Nach dem ersten Telefonat mit „Benni“ war mein erster Gedanke „interessantes Projekt, darüber will ich mehr erfahren“ und mein Interesse war fürs Erste geweckt. 

FNS: Matze, warum hast du dich letztendlich für die Aufgabe bei der Victoria St. Wendel entschieden und was hat dich an dem Projekt besonders gereizt?

Kuhn:Nach 7,5 Jahren als Co-Trainer der 1. Mannschaft des FC Palatia Limbach, deren Weg ich mit sehr viel Herzblut und Leidenschaft mitbegleitet, -gestaltet und -gelebt habe und dem persönlich enttäuschenden Ende im November 2025 habe ich zunächst einmal Zeit benötigt, um das Geschehene etwas hinter mir zu lassen, “den Akku neu aufzuladen” und mir Gedanken zu machen, welche neue Herausforderung ich zukünftig annehmen möchte.

Hier bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich völlig ligaunabhängig meine zukünftige Aufgabe wählen möchte. Es sollte im besten Fall ein Verein werden, der sportlich ambitionierte Ziele verfolgt und mir ermöglicht federführend eine Mannschaft aufzubauen, die in den kommenden Jahren fähig ist, in den oberen saarländischen Amateurligen zu spielen. Es gab dann auch mehrere Anfragen von Vereinen, die aber allesamt nicht das vorgenannte Profil mitbrachten. Ich hatte mich dann eigentlich schon auf einen freien Fußballsommer eingestimmt und mich auf das Mehr an Zeit mit meiner Familie gefreut.

Dann kam letztlich im April der Anruf von „Benni“. Die dann folgenden Gespräche mit den Verantwortlichen der Victoria verliefen positiv und ich hatte das Gefühl, dass all meine Anforderungen an einen neuen Verein erfüllt sind. Zudem besteht natürlich immer ein besonderer Reiz darin, die Möglichkeit zu bekommen einen Verein aus einer Kreisstadt, wie St. Wendel, sportlich nach oben führen zu können. 

FNS: Die Victoria sorgt mit ihrem ambitionierten Weg und den namhaften Verpflichtungen für viel Aufmerksamkeit. Wie nimmst du die Diskussionen rund um den Verein wahr?

Kuhn:Ich denke, dass der eingeschlagene ambitionierte Weg der Victoria natürlich polarisierend wirkt und es auch legitim ist, diesen als außenstehende Person unterschiedlich zu bewerten. Um dies allerdings vernünftig und seriös tun zu können, sollte man aber erst „hinter die Kulissen schauen“ und sich nicht jedem Gerücht anschließen, dass irgendwo, irgendwer meint verbreiten zu müssen. Dies geht in unserm schönen kleinen Saarland und über die sozialen Medien allerdings sehr schnell und ist dann auch nicht zu vermeiden. Meiner Meinung nach werden allerdings die vorhandenen kritischen Stimmen mit jedem weiteren sportlichen Aufstieg weniger werden, da die Verantwortlichen der Victoria St. Wendel einen Weg eingeschlagen haben, der vielleicht im näheren örtlichen Umfeld auf mehr Kritiker als Befürworter stößt, in den höheren Spielklassen des Saarlandes jedoch weit verbreitet ist. Natürlich wird zukünftig das Ziel sein, weitere Vereinsstrukturen zu schaffen (u.a. eine eigene Spielstätte zu finden und einen eigenen Jugendbereich aufzubauen), um so auch nachhaltiger aufgestellt zu sein. Hier ist denke ich aber anzumerken, dass man dem Verein auch die entsprechende Zeit geben sollte, bevor man sich vorschnell eine Meinung bildet. Ein Verein, der vor fast zwei Jahren erst gegründet worden ist, kann nicht die Strukturen vorweisen, die sich in anderen Vereinen über Jahrzehnte entwickelt haben. 

FNS: Du warst viele Jahre als Torhüter im Saarland unterwegs und kennst den Fußball hier bestens. Welche Erfahrungen aus deiner aktiven Zeit möchtest du als Trainer an deine Mannschaft weitergeben?

Kuhn:Ich denke die Frage komplett zu beantworten würde hier den Rahmen etwas sprengen. Einen Spruch, den ich im Fußball immer gerne verwende ist „Erfahrung kannst du nicht kaufen, die hast du gesammelt oder eben nicht!“. Die Tatsache, dass ich in meiner „Aktivenzeit“ eigentlich dauerhaft auf einem Niveau zwischen Saarlandliga und Regionalliga gespielt habe, hilft mir jetzt in meiner neuen Funktion in vielerlei Hinsicht. Hinzukam, dass sehr früh für mich klar war, dass ich irgendwann selbst Trainer werden möchte, da ich mich nicht auf das Torwartspiel begrenzt, sondern schon immer mit der Gesamtheit des Fußballspiels beschäftigt habe. Entsprechend habe ich auch 2022 bewusst die Trainer- B-Lizenz gemacht.

Neben dem nötigen Fachwissen ist ein weiterer großer und wichtiger Aspekt der Umgang mit Menschen. In meiner gesamten Laufbahn hatte ich das Glück mit Mitspielern unterschiedlichster Nationen/Kulturen und damit verbunden auch unterschiedlichster Charakteren zusammenarbeiten zu dürfen. Hieraus habe ich ein gutes Gefühl entwickelt mit den verschiedensten Spielertypen umgehen zu können und weiß daher auch welche Charaktere einer Mannschaft gut oder weniger guttun.

Die -für mich- positiven Einrücke und Erfahrungen lasse ich in meine eigene Trainerarbeit einfließen und versuche diese natürlich bestmöglich meinen Spielern mitzugeben bzw. zu vermitteln. 

FNS: Welche Spielidee und welche Werte sollen deine Mannschaft in der kommenden Saison auszeichnen?

Kuhn:Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein „kleiner Disziplinfanatiker“ bin und mir u.a. Werte wie Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Demut und Teamfähigkeit sehr wichtig sind. Entsprechend steht das respektvolle, ehrliche und offene Miteinander gepaart mit dem unbedingten Willen sportlich immer das Maximale FÜR DAS TEAM herausholen zu wollen im Vordergrund. Spieler, die persönliche Befindlichkeiten über das Team stellen, haben in meiner Mannschaft auf Dauer keinen Platz.

Was das Fußballerische angeht, habe ich eine klare Vorstellung von dem, was ich auf dem Platz sehen möchte und das versuche ich so schnell wie möglich meinen Jungs zu vermitteln. Der Kader für diese Saison wurde größtenteils neu zusammengestellt, worauf ich allerdings kaum einen Einfluss hatte, da meine Verpflichtung erst im Mai erfolgte. Es ist daher ganz normal, dass ich in den ersten Wochen jetzt erstmal jeden Spieler persönlich wie auch fußballerisch kennenlernen musste. Umgekehrt mussten sich aber auch die Spieler an neue -vereinzelt sogar noch nie gesehene- Abläufe gewöhnen. Dementsprechend bedarf es einfach einer gewissen Zeit bis sich alles gefunden hat und all meine Ideen greifen werden. 

FNS: Kannst du deine Fußballphilosophie in ein paar kurzen Sätzen beschreiben? Wofür soll eine Mannschaft von Matthias Kuhn auf dem Platz stehen?

Kuhn:Grundtugenden/ -werte, wie u.a. Einsatz- / Laufbereitschaft und den unbändigen Siegeswillen zu haben, das setze ich voraus. Essenziell ist zudem, dass kein Spieler sich über die Mannschaft stellt. Der Teamgedanke steht stets im Vordergrund.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass wir nicht als „normale Bezirksligamannschaft“ angesehen werden und auch andere Ziele anstreben. Was mir hier allerdings sehr wichtig ist, dass wir natürlich entsprechend dominant und bestimmt in der Saison auftreten wollen, aber dies immer mit dem nötigen Respekt und der erforderlichen Demut jedem Gegner gegenüber machen wollen. „Arroganzanfälle“ oder Überheblichkeiten meiner Spieler dulde ich nicht.

Was Details zu Spielphilosophie / -ausrichtung angeht, möchte ich mir verständlicherweise nicht in die Karten schauen lassen und lasse dies hier unkommentiert. 

FNS: Mal ehrlich: Wenn du an der Seitenlinie stehst, juckt es dich manchmal noch in den Füßen, selbst ins Tor zu gehen oder auf dem Platz mitzumischen?

Kuhn:Ganz ehrlich, NEIN! Ich hatte eine sehr schöne und interessante Zeit als aktiver Fußballer mit vielen persönlichen Highlights (u.a. Saarlandpokalsiege, DFB-Pokalspiele) und bin hier bis zu meinem 33. Lebensjahr von größeren Verletzungen verschont geblieben. Auch mein abruptes verletzungsbedingtes Karriereende im Oktober 2019 konnte ich gut auffangen, da ich einfach rückblickend eine geile Zeit erlebt habe und auch zufrieden war, wie alles verlaufen ist. Die damalige Doppelfunktion als spielender Co-Trainer der 1. Mannschaft des FC Palatia Limbach bot mir dann 2019 direkt die Möglichkeit die ersten Schritte im Trainerbereich gehen zu können, was natürlich optimal für mich war.

Nach dem oben erwähnten abrupten Ende in Limbach, freue ich mich einfach, dass mir die Verantwortlichen der Victoria St. Wendel das nötige Vertrauen und die Wertschätzung entgegengebracht haben, um meinen nächsten Schritt in meiner Trainerlaufbahn gehen zu können. Wie man mich kennt, werde ich alles geben, um die vorgegebenen Ziele mit allen Beteiligten zu erreichen. 

FNS: Was bringt dich beim Fußball so richtig auf die Palme? Gibt es Dinge, die für dich auf dem Fußballplatz gar nicht gehen?

Kuhn:Ich mag keine „Hasenfüße“. So bezeichne ich Spieler, die wegen jedem kleinen Körperkontakt auf dem Boden liegen bleiben. Das sind für mich keine Fußballer. Das Spiel lebt neben der fußballerischen Komponente von Emotionen, Körperkontakt und Leidenschaft. Hier möchte ich allerdings betonen, dass absichtliche, gesundheitsgefährdende Attacken oder Bedrohungen/Beleidigungen natürlich grundsätzlich nicht zu tolerieren sind. Die Emotionen führen hin und wieder sicher mal dazu, dass auch hier über die Stränge geschlagen wird. In diesen Fällen sollte man jedoch immer in der Lage sein sich nach dem Spiel, sowohl als Trainer als auch als Spieler, die Hand zu geben und bestenfalls sich sogar bei dem ein oder anderen Kaltgetränk über das Geschehene auszutauschen. 

FNS: Glaubst du, der 18-jährige Matthias Kuhn hätte den Trainer Matthias Kuhn gemocht – oder wäre es zwischen euch auch mal laut geworden?

Kuhn:Das Wort “mögen” finde ich in einem Trainer – / Spielerverhältnis vielleicht etwas unpassend. Die jungen Spieler von heute müssen den Trainer Matthias Kuhn nicht immer “mögen”. Sie sollten aber verstehen, dass er alles versucht, um sie sportlich voran zu bringen und auch ihre Persönlichkeit weiterentwickeln möchte. Hierzu bedarf es einer Grundeinstellung zum Fußball und den damit verbundenen Willen das Maximum aus sich rauszuholen, um auf dem höchstmöglichen Niveau Fußball spielen zu können. Wenn ich nun die Frage gezielt beantworte, dann bin ich mir sicher, dass der 18-jährige Matthias Kuhn -mit seiner damaligen Einstellung- den Trainer Matthias Kuhn definitiv mehr gemocht als verflucht hätte. Dass es aber auch mal laut geworden wäre, möchte ich nicht ausschließen! 

FNS: Unter deiner Regie wurde der Stadtpokal gewonnen und ihr steht nach fünf Spielen jetzt schon wieder an der Tabellenspitze der Bezirksliga Blies/Nahe. Wie beurteilst du die frühe Phase deiner Amtszeit?

Kuhn:Für das, dass wir mit einem nahezu komplett neu zusammengestellten Kader in die Saison gestartet sind, bin ich mit den bisherigen Leistungen und Ergebnissen zufrieden. Man muss hier auch erwähnen, dass wir in den ersten Spielen auch schon gegen das ein oder andere Team gespielt haben, was am Ende der Saison sicherlich unter den Top 6 der Liga zu finden sein wird.

Bis letztlich aber alle Abläufe greifen und wir so performen wie ich es mir in Gänze vorstelle, ist einfach noch Zeit notwendig. Das passiert nicht alles von heute auf morgen. Klar besteht eine eindeutige Erwartungshaltung im Verein und von außerhalb wird man immer als der große Favorit angesehen, ich kann aber sagen, dass nicht immer alles Gold ist, was glänzt. Wir haben keinen großen Kader und in den letzten Wochen immer wieder personelle Rückschläge zu verkraften gehabt. Hinzu kommt, dass jeder Gegner mit allen Mitteln versucht uns „ein Bein zu stellen“ und entsprechend gegen uns das ein oder andere Prozent mehr drauflegt. Nichtsdestotrotz hat meine Mannschaft das bislang in der Liga sehr gut gemacht und ich blicke optimistisch auf die kommenden Aufgaben. 

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